PrivatPC mein Internet Blog

Ist Wikipedia wirklich demokratisch

by on Okt.18, 2010, under Allgemein, Internet

Was verbirgt sich hinter dem perfekt wirkenden Deckmantel dieser „freien“ Wissenssammlung? Wodurch werden die Inhalte beeinflusst, die sehr viele Menschen ungeprüft als Wissen und Wahrheit übernehmen? In diesem Teil gehen wir der Frage nach, unter welchen Strukturen die Autoren arbeiten.

Das Online-Lexikon Wikipedia ist eine nützliche Seite mit derzeit etwa 260 Sprachversionen, die zu den weltweit meistbesuchten Webseiten gehört. Der Amerikaner Jimmy Wales erhielt im Oktober 2010 als Anerkennung für die Gründung der Wikipedia ein stolzes Preisgeld in Höhe von 100.000 Schweizer Franken. Die Lobrede des Gottlieb Duttweiler Institutes betont, in der Wikipedia sei die Mitarbeit “ehrenamtlich, das partizipative Modell zutiefst demokratisch“, denn Freiwilligkeit sei der “Preis der Freiheit.”

Diese Worte zeugen von Enthusiasmus, doch ist die Wikipedia hinter ihren Kulissen wirklich demokratisch? Eine zentrale Definition, was Wikipedia ist, gibt es nicht. Stattdessen gibt es eine Seite mit Negativ-Definitionen, die seit ihrer ersten Fassung im September 2001 einige tausend Male geändert wurde. Diese Seite enthält den zentralen Satz “Wikipedia ist keine Demokratie“. Als Beweis gilt eine Stellungnahme von Jimmy Wales aus dem Jahre 2005. Jimbo Wales wünscht sich darin: “Der Hinweis, die Wikipedia sei eine Enzyklopädie und kein Demokratie-Experiment, solle am besten auf Papierzettel ausgedruckt und jedem Menschen auf der Welt in die Hand gegeben werden.

Sorgen bereiteten Jimmy Wales vor allem “die Idioten, deren Mehrheitsentscheidungen den gesunden Menschenverstand aufheben könnten.” Gleichwohl sei er bereit, bei den anderssprachigen Schwesterprojekten Meinungsbilder zu akzeptieren, da er die dortige Willensbildung “weniger überschauen” könne. An anderer zentraler Stelle schreibt man noch dazu: “Wikipedia ist keine Demokratie, sondern eine Willkürherrschaft. Man hat keine Rechte. Demokratie ist hier ein Schimpfwort.

Die Funktionäre des “Fan-Clubs” Wikimedia in Deutschland reihen sich in die  Linie von Jimmy Wales mit Kraftsprüchen ein wie zum Beispiel “Wir sind hier um die Demokratie zu beschreiben, wir praktizieren sie nicht.” oder “Wikipedia ist keine Demokratie. (…) Wikipedia ist ein privates Dienstangebot. Es gibt kein Recht auf Mitarbeit. Wer sich hier nicht wohlfühlt, kann jederzeit ohne Androhung von Strafe gehen.

Abstimmungen finden statt, obwohl vor ihnen als “böse” gewarnt wird. Man fürchtet sich vor dem Stimmbetrug durch Autoren mit mehreren Benutzerkonten, sodass man im deutschsprachigen Projekt Verifikationsprojekte durch “persönliche Bekanntschaften”, aber auch durch Bürgschaften unter Vorlage des Personalausweises entwickelte. Beides blieb bislang im Versuchsstadium. Die Stimmberechtigung wird derzeit von der Dauer und vom Umfang der ständigen  Mitarbeit bestimmt. Offiziell haben Wikimedia Foundation und Wikimedia in Deutschland keinen Einfluss auf die Inhalte. Im Hintergrund betreibt man ein Beschwerdesystem (OTRS), über das man in der Öffentlichkeit nur ungern berichtet. Viel lieber verweist man auf die Selbstorganisation der Autoren.

Diese Selbstverwaltung hat aber ihre Eigenheiten. Beispiele für eine Gesellschaft der Ellenbogen gibt es tagtäglich. “Ihr Spinner seid einer Diskussion nicht würdig. Mangelnder Widerspruch ist daher nicht als Zustimmung zu werten. Finger weg von dem Artikel, wenn ihr ihn nochmal anfasst, wird er gesperrt.” warnte beispielhaft einmal ein Freizeit-Wikipedia-Administrator. Die zunächst nur gefühlte Willkür des Betroffenen wird mit Verweis auf “Wikipedia ist kein Mädchenpensionat” objektiviert. Wer eine Kritik nachhaltiger formuliert, gilt als “Projektstörer” oder Demokratiefanatiker. Entsprechende Erwiderungen werden unter Verweis auf “Keine persönlichen Angriffe”, “Kein Wille zur enzyklopädischen Mitarbeit” oder “Sperrumgehung, keine Besserung erkennbar” mit zeitweiliger, im Wiederholungsfalle unbegrenzter Benutzersperre gekontert. Die Auseinandersetzungen sind standardisierte Rituale.

Dabei gelten alle Benutzer zunächst einmal als gleichberechtigt. Zu den Autoren, die sich dennoch etwas unterscheiden, zählen in der deutschsprachigen Wikipedia etwa 300 Benutzer mit dem Status eines so genannten Admins, Oversight-Berechtigten, Bürokraten, Check-User-Beauftragen, Mitglieds eines Schiedsgerichts und vielleicht noch weiteren unbezahlten Funktionen, die in der zahlenmäßig erstaunlich kleinen Gemeinschaft als erstrebenswert angesehen werden. Hinzu kommt die Hoffnung auf ehrenamtliche oder festvertragliche Funktionen beim Verein Wikimedia in Deutschland, die sich jedoch nur für wenige erfüllt. Ebenso bringt es Pluspunkte, sich als Mentor, Teilnehmer eines Wettbewerbs oder als Mitglied einer “Redaktion” zu präsentieren. Weiteres Gewicht verschaffen auch persönliche Verbindungen über Stammtische und andere Veranstaltungen. Es bilden sich fast ausschliesslich von Männern geprägte geschlossene Zirkel, die das Prinzip der sozialen Kontrolle leicht überwinden können. Das Gefühl der Zugehörigkeit verändert auch die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung des Projekts in der Diskussionskultur. Dies erklärt zumindest teilweise den rauen Ton, der zuweilen bis zur Repression reicht.

Über den wenig glorreichen Umgang von “Wikimedia in Deutschland” mit seinen Mitgliedern und Kritikern berichtete gulli.com vor kurzem.
Es wird interessant sein, das so hoch gelobte Projekt in seiner Entwicklung weiter zu beobachten. Die Besonderheiten des sozialen Systems des eigentlichen Projekts Wikipedia untersuchten unter anderem Günter Schuler 2007, Christian Pentzold 2007, Christian Stegbauer 2009 und Peter Haber 2010 (Interview mit Peter Haber). Wissenschaftler sprechen öffentlich von “Verkrustung” und “Autorenschwund”. Die Zahl der tätigen Autoren bleibt auf mehr oder minder gleichem Niveau hängen, die Zahl der Neuanmeldungen sinkt seit 2006 sogar dramatisch. Die Anzahl der aktiven Administratoren ist innerhalb der letzten zwölf Monate sogar um etwa 10 % zurückgegangen. Der Artikelbestand der Wikipedia wächst nach wie vor, aber die Produktivität selbst hat in sämtlichen großen Sprachversionen seit 2006 kaum Zuwachs. Ganz sicher wird es mit der Wikipedia als Projekt trotz ihrer Machtkonflikte also weitergehen.

Wer aber in der Wikipedia freiwillig mitwirkt, dürfte das gepriesene “Ideal der Freiheit” in diesem Klima auf Dauer nicht finden.

Stay tuned – diese Artikelreihe wird bald fortgesetzt.


Comments are closed.

Looking for something?

Use the form below to search the site:

Still not finding what you're looking for? Drop a comment on a post or contact us so we can take care of it!